Laugelegumperzunft Konstanz e.V.

   
   
   
   
   
   
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Alles über´s Laugele von Brunno Epple

 

Laugele fugse - das war einmal Bubensport, als man noch nicht von Freizeitgestaltung sprach. 

Da hatte man noch viel Zeit zum am See ummestruele. Und zum harmloseren  Zeitvertreib gehörte halt das

 Laugelefugse. Die Buben machten's mit einer sogenannten Sackfischete, also einem Gabelbrettchen, um das eine

Schnur gewickelt war, am Ende eine Spanne Silk, als Schwimmer ein Korken, als Gewicht ein Klümpchen Blei,

und an den Haken spießten sie nur selten einen Wurm, meistens ein Kügelchen Brot. Das hingen sie die Mauer

hinab ins Wasser, dahockend mit herabbaumelnden Beinen und guckten belustigt zu, wie ein Laugele ums andere

vorsichtig sein  Rundmäulchen ans Brotkügelchen stieß, daß es zusehends kleiner wurde. Im richtigen Moment

gezuckt, schon hing an der Angel ein silberblitzender Schwanz, der mit Freudengeschrei herausgezogen und, vom

 Haken gelöst, gleich wieder ins Wasser  geworfen wurde, wo er davonstieb und hinein in den Schwarm der anderen.

Denn Laugele sind gesellige Wesen, flink bis zum Übermut, schießen blitzend und flitzend einher und weg, und abends

 oder vor's rengelt;t sieht man sie blitzartig hüpfen, also  jucke oder gumpe. Aber das ist auch schon alles.

Laugelegumper hingegen sind Leute. Nicht etwa solche, die wie Laugele eigenwillig jucket oder gumpet, auch wenn

man derlei  allerhand zu sehen bekommt. Laugelegumper sind Leute von der Rasse, die meint, besonders gewitzt zu

sein, besonders einfallsreich und erfinderisch, und die, wenn's um dArbet goot, vor allem auf Erfolg und Gewinn aus

sind. Und die es so weit treiben, daß sie um den Spott nicht zu sorgen haben. So geschehen dereinst in Überlingen.

Da soll verbürgter Kunde nach im Hafen ein besonders dicker Schwarm Laugele gesichtet worden sein, seit vielen

Tagen schon.

Wollte sie alle gefangen wissen, sah sie schon in Kesseln und Pfannen, aber wie am besten und ringsten ihrer habhaft

werden, die so leichtschwänzig entwischen? Mit Netzen sei das nicht getan, sagten  die Fischer, erfahren in der Mühe

ihres Handwerks. Die schmecken die Absicht und reißen aus! Wenn man alle Laugele fangen und nicht nur fugsen

wolle, müsse man es gescheiter anstellen. Und da hatten sie die Idee:

Sie stellten einen "Gumpbrunnen", also eine Art Jauchepumpe ins Wasser und pumpten und gumpten, was das Zeug

hergab. Wie es ausging, können wir uns denken. Von da an hatten die Überlinger ihren Spitznamen weg:

Laugelegumper. Und so heißt man auch die von Wallhausen und von Dingelsdorf. Wer's nicht glaubt, befrage den

Überlinger Medizinalrat Theodor Lachmann (1835 -1918). Er hat die Sache ausgeführt in seinem bereits 1909

erschienenen Buch "Überlinger Sagen, Bräuche und Sitten mit geschichtlichen Erläuterungen, ein Beitrag zur

Volkskunde der badischen Seegegend". Das wäre somit klargestellt.

Die Laugelegumper haben in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts eine Metamorphose durchgemacht, ganz im

Sinne des Ovid, und zwar durch und mit den Konstanzern. Die Fänger haben sich selbst verwandelt und schwirren als

Laugele in närrischen Tagen durch die Gassen der Stadt.

 

Du silbersilbrigs Laugele mit dine Bolleaugele,

mit dim breite Muulele bisch du garit fuulele.

 

 

Kopfduech rot und Hemmed au

bi Maa und Frau isch wasserblau. o Laugele, 0 Gumperle

mit dine Schuppebumperle.

 

 

Wie blinkerets und schupperets, iberm Buuch doo bupperets,

a dim dicke StockeIe

hascht en Fisch am Zockele.

 

 

Wissenschaftler sind Narren: Sie wollen alles wissen. Nachdem der Gumper erklärt ist, also nun: alles über das

 Laugele.

Es gehört in die Familie der Weißfische, lateinisch Alburnus. Dies sind, lexikalisch beschrieben, Fische mit

 gestrecktem Körper, vorstehendem Unterkiefer, kurzer, hinter den Bauchflossen stehender Rückenflosse, unter dem

Ende derselben beginnender Afterflosse, scharfrandigem Bauch und mit seitlich zusammengedrücktem Leib und sehr

schief stehender Mundspalte, wechselt ungemein in Form und Färbung, ist meist auf dem Rücken blau- bis grasgrün,

an den Seiten silberglänzend, an der Rücken- und Schwanzflosse grau, an den übrigen Flossen gelblich, findet sich in

stehenden und fließenden Gewässern Europas, lebt gesellig in oft sehr großen Scharen, ist wenig scheu, gefräßig... Er

hat sehr grätiges Fleisch.Weißfische nennt man auch Lauben. Das Laugele, mitunter auch LaubeIe genannt, hat den

lateinischen Namen Alburnus lucidus. Sein Silberglanz ist also besonders hervorgehoben: lucidus heißt lichtvoll,

leuchtend, hell, glänzend weiß. Aber woher das Wort Laugele oder, wie es in Straßburg heißt, Lauk? Daran

wissenschaftlern die Sprachforscher bis heute herum. Und weil sie nichts beweisen können, stellen sie Vermutungen

an, nicht mutwillig, aber doch kommt das, was sie so anstellen, wie eine Zumutung vor. Da vermuten die einen: Weil

Laugele sich gern in seichtem Wasser aufhalten - ich sehe einige Laugelegumper bereits vielwissend nicken - und weil

im Süddeutschen Lauge soviel wie abgestandenes warmes Wasser sei und "louga" zur Karolingerzeit warmes Bad

bedeutet habe, sei der Zusammenhang doch klar, oderit? Andere kommen mit folgender Zumutung: Die Fischchen

wurden im vorigen Jahrhundert in Massen gefangen, ihre hellglitzernden Schuppen alkoholisch abgelaugt und der in

dieser Lauge erzielte Auszug, die Essence d'Orient, zur Herstellung künstlicher Perlen benutzt. Doch solcherlei

Laugele-Auslaugerei mitsamt den falschen Perlen kann einen echten Konstanzer Laugelegumper nur vergraulen.

Die dritte Erklärung klingt anmutig ermunternd:

Demnach hat das Laugele einen Namen, der bis ins Indogermanische zurückreicht, also einen beachtlichen

Stammbaum ausweisen kann. Gewissermaßen hochadelig. Gehen wir in Ehrfurcht schrittweise zurück. Im Mittelalter

bedeutete "louc" Flamme, Blitz, Glanz, bei den Germanen "laugi" dasselbe wie Lohe. Das Indogermanische

Wurzelwort ist "luk" oder "leuk", und das ist kein anderes Wort als das heutige leuchten. Es taucht im alten

Griechisch auf als "leukos" für licht und glänzend, im Lateinischen als "lux" für Licht, und auch unser Licht ist

sprachlich ein Nebenzweig vom Stammwort "luk", also daß unser Laugele beides in sich vereint: Lohe und Licht, und

alles bedeutungsvoll zum Ausdruck bringt, was als "lichterloh" erscheint, schimmert und glänzt, was hell ist und

leuchtend, klar und rein, bleich und blaß, glitzernd und blitzernd, blink und blank. Sowas läßt sich der Konstanzer

Laugelegumper, man kann sich's denken, gern gefallen. Er wird sich das ästhetisch ausmalen und philosophisch zu

eigen machen zur Selbstverherrlichung. Nur eines braucht er sich nicht gefallen zu lassen, sollte einer damit kommen

wollen, daß mit dem Wurzelwort "leuk" auch die Wörter leugnen, lügen und Lug hervorgekommen seien. So

verlockend diese Annahme für einen Sprachforscher auch sein möge: Der Konstanzer Laugelegumper, so sehr er auch

blinkt und blitzt und glänzt und glitzt, ist zwar ein Narr, aber kein Lugenbeitel, der falsche Perlen auf dem Fischmarkt

anbietet.

Also denn Laugele, gump!

 

Brunno Epple